Hausarztmangel

HausarztmangelDie Deutschen werden immer älter. Viele Prognosen zeigen, dass der Anteil älterer Menschen in den nächsten Jahren stark zunehmen wird. Auswirkungen hat die Verschiebung der Altersstruktur auch auf das Gesundheitswesen, denn im Alter benötigen die meisten eine umfangreichere medizinische Versorgung als in jungen Jahren.
Zum einen erfordern chronische Krankheiten wie Diabetes oder Rheuma, die bei älteren Menschen häufiger vorkommen, eine intensive und oft langwierige Behandlung. Zum anderen treten in vielen Fällen mehrere gesundheitliche Probleme gleichzeitig auf.

Diese medizinische Grundversorgung leisten in Deutschland zum Großteil die knapp 60000 Hausärzte. Und sie tun das zur großen Zufriedenheit der Patienten. Erst kürzlich bestätigte das Gesundheitsbarometer 2010 die hohe Wertschätzung der Hausärzte. Bei dieser Umfrage der Agentur Ernst&Young schnitten sie besser ab als alle anderen Akteure des Gesundheitswesens - Krankenhäuser und Fachärzte inbegriffen:
93 Prozent der Befragten gaben an, im Hausarzt in Gesundheitsfragen am meisten zu vertrauen. 91 Prozent überzeugte der Hausarzt in punkto Leistung und Behandlungserfolg.
Das hohe Ansehen, das diese Zahlen ausdrücken, verwundert nicht:
Meist ist das Vertrauensverhältnis zu den Patienten über Jahre gewachsen. Als Familienmediziner betreuen Hausärzte häufig mehrere Generationen einer Familie - Kinder, Eltern und Großeltern. Durch das enge Vertrauensverhältnis ist ihnen das familiäre und berufliche Umfeld ihrer Patienten meist gut bekannt. Kein Wunder, dass viele Menschen in belastenden und schwierigen Lebenssituationen Rat bei ihrem Hausarzt suchen.

Doch diese unverzichtbare Stütze des Gesundheitswesens ist akut gefährdet. Der Grund: Immer weniger junge Mediziner entscheiden sich, als Hausärzte tätig zu werden. Schwierige Ausbildungs- und Arbeitsbedingungen sowie lange Arbeitszeiten, mit denen die Honorierung nicht Schritt gehalten hat, schrecken den Nachwuchs ab.

Bereits heute finden viele Hausärzte, die ihre Praxis aus Altersgründen abgeben wollen, keinen Nachfolger mehr. In manchen Gegenden Deutschlands fahren Patienten inzwischen kilometerweit zur nächsten Hausarztpraxis. Die Situation wird sich in den kommenden Jahren verschärfen, denn knapp 20 Prozent der Hausärzte sind 60 Jahre oder älter. Im Jahr 2020 werden laut einigen Prognosen 15000 Hausärzte fehlen.

Weil die Basisversorgung derzeitig noch so "geräuschlos" klappt, wird die Bedrohung nicht wahrgenommen. Auch die Krankenkassen setzen die hausärztliche Versorgung als eine Selbstverständlichkeit voraus.

Zwar ist das Medizinstudium beliebt - für das Wintersemester 2011 kamen auf 105 Plätze an der Universität Greifswald rund 3000 Bewerber - aber viele zunächst hochmotivierte Medizinstudenten sind bereits nach dem Praktischen Jahr desillusioniert:
Hohe Arbeitsbelastung, unklare Aufgabenverteilung, keine strukturierten Lernpläne frustrieren den ärztlichen Nachwuchs. Nur noch 30 Prozent aller Medizinstudenten wollen in die Versorgung (Krankenhaus, Praxis). Das ergab eine Umfrage an der Uni Münster. 30 Prozent wollen ins Ausland, 40 Prozent wünschen sich geregelte Arbeitszeiten in einem Betrieb oder bei einer Krankenkasse.
Auch die Stimmung bei den bereits niedergelassenen Ärzten ist nicht besser. Eine repräsentative Umfrage Ende 2008 von TNS Healthcare bei den Niedergelassenen hat ergeben:

Unzufriedenheit der Ärzte mit Arbeitsbedingungen in der BRD

Westfalen wird aber das Epizentrum des Hausarztmangels werden. In Westfalen gibt es mit 72,8 Köpfen auf 100 000 Einwohner die geringste Hausarztdichte. In Berlin stehen dafür 102 Hausärzte zur Verfügung, in Bayern 93,8 und in Baden-Württemberg 86. Selbst im stets bemitleideten Brandenburg sind es noch 74,3 Hausärzte.

 

1/3 aller niedergelassenen Ärzte würden einen anderen Beruf wählen29 Prozent der heute niedergelassenen Ärzte würden ihren Beruf nicht mehr wählen. Das sind immerhin rund 36000 Ärzte.

69 Prozent der befragten niedergelassenen Ärzte gaben an, sie hätten Überlegungen angestellt, ihren Beruf in einem anderen Land auszuüben. Unterversorgung in Großbritannien und Skandinavien, Karrierechancen in den USA, exzellente Honorierung in der Schweiz, die selbst viel zu wenig Ärzte ausbildet - das sind Optionen, die sich durchaus auch niedergelassene Ärzte aus Deutschland als eine berufliche Alternative vorstellen. Fast 70 Prozent der niedergelassenen Ärzte haben schon daran gedacht, Deutschland den Rücken zu kehren.
Die Mängel des Gesundheitssystems dämpfen die Motivation der Ärzte. Aber was sind die Gründe für diese Unzufriedenheit der niedergelassenen Ärzte in Deutschland:
85 Prozent nennen den Verwaltungsaufwand als Beweggrund. Fast gleichauf mit 82 Prozent wird die Einkommenssituation genannt. Gut drei Viertel nennen die medizinische Versorgung und die Therapiefreiheit als Gründe, im Ausland besser arbeiten zu können.

Ursachen

Der Beruf des niedergelassenen selbstständigen Arztes in freier Praxis ist durch ungünstige politische Rahmenbedingen zunehmend unattraktiv geworden. Immer weniger Ärzte sind bereit den Weg der Selbstständigkeit als Hausarzt zu gehen. Im folgenden soll versucht werden, die Situation des niedergelassenen Arztes näher darzustellen.

Verwaltungsaufwand

Verwaltungsaufwand und Überbürokratisierung ist direkter Ausdruck des in der Vergangenheit massiv betriebenen Ausbaus von Überwachungsstrukturen bei Krankenkassen und KV.
ÜberbürokratisierungDie Flut von Dokumentationen und Nachweisen über die eigene Tätigkeit sowie Nachweise über den Gesundheitszustand der behandelten Patienten hat ständig zugenommen. Hier zeigt sich eine drastische Verschwendung von Ressourcen, die dringend in der Patientenversorgung gebraucht werden.
Die Entscheidungsfreiheit und Selbstverantwortlichkeit in der Arbeitsweise und in der Versorgung der Patienten ist einer zunehmenden Bevormundung, Sanktionierung, Regelungswut und Überprüfung gewichen.
Dem selbstständigen Arzt wird mittlerweile vorgeschriebenen, was er zu tun und zu lassen hat (in Diagnostik, Therapie, Dokumentation, Kodierung, Betriebsführung, Fortbildungszeiten, Qualitätsmanagement, Öffnungszeiten, Medizingeräteverordnung, Diseasemanagementprogramme, Qualitätszirkeln, Hygieneverordnung, Wartezeiten, Abends- und Samstagssprechstunden, usw.). Hält sich der Selbstständige nicht an diese Vorgaben, so wird ihm indirekt Honorar gekürzt. Nur wer sich den Vorgaben anpasst, erzielt das angemessene Honorar. Es gilt:

"Wer sich nicht bewegt, der wird bewegt!"
Zitat von Horst Seehofer als Gesundheitsminister

Umfangreiches Aufgabengebiet

Der Beruf des Hausarztes ist sicherlich einer der Schönsten, die es gibt. Man hat eine interessante breit gefächerte Tätigkeit, der Beruf erfüllt den Wunsch zu helfen und bringt gesellschaftliches Ansehen. Aber er hat auch Nachteile.
Er ist vom Gebiet eben sehr umfangreich. Als Hausarzt sollte man theoretische und praktische Kenntnisse in Kinderheilkunde, Neurologie, Chirurgie, Orthopädie, HNO-Heilkunde, Psychosomatik/-therapie, Notfallmedizin und als größtes Fach innere Medizin haben.
Im Gegensatz zum "Organarzt" sollte der Hausarzt ein fundiertes Basiswissen in Diagnostik und Therapie über viele und häufige Erkrankungen haben, während der Facharzt (Organarzt) sehr detailliertes Wissen über wenige Erkrankungen haben sollte. Kurz gesagt: Der Hausarzt weiß wenig über viel und der Organarzt weiß viel über wenig.
Die Kunst der hausärztlichen Tätigkeit besteht darin, aus dem Sammelsurium von Krankheitssymptomen, die Erkrankungen herauszupicken, die eine schwere Bedrohung darstellen. Häufige Erkrankungen mit leichter bis mittlerer Ausprägung aus den verschiedensten Fachgebieten behandelt er eigenständig.

Dank der im Frühjahr 2010 beschlossenen Notdienstreform lastet der Großteil der Notfalldienste nicht mehr nur auf den Schultern der Hausärzte, sondern verteilt sich gleichermaßen auf alle Ärzte. Er war in den Jahrzehnten zuvor wie selbstverständlich nur durch die Hausärzte getragen worden.

Freiberuflichkeit versus Monopol

Die gesetzliche Krankenversicherung (GKV) ist eine Pflichtversicherung. Sie hat sich zur bestimmenden Größe des Gesundheitswesen entwickelt, indem sie nahezu die gesamte Bevölkerung erfasst. Heute sind ca. 90 % aller Deutschen in der GKV pflichtversichert. Es herrscht ein Monopol.
Ein Arzt, der sich selbstständig niederlassen will verliert faktisch die Wahlfreiheit zwischen rein privatärtzlicher und kassenärztlicher Tätigkeit. Anders ausgedrückt ist der selbstständige Arzt auf die Behandlung dieser GKV-Versicherten wirtschaftlich angewiesen, da er hiermit ca. 80 % seiner Einnahmen erwirtschaftet. Eine wirtschaftliche Entscheidungsfreiheit besteht nicht.
Gefangen im MonopolKrankenkassen und Politiker sind sich dieser Monopolstellung wohl bewusst und nutzen natürlich ihren Einfluss bei Verhandlungen und Verordnungen.
Explodieren mal wieder die Gesundheitsausgaben, so bietet sich der Arzt als Sündenbock an und dann wird eben das kassenärztliche Honorar der momentanen finanziellen Krankenkassensituation angepasst bzw. die Geldflüsse eben nur in bestimmte Richtungen geleitet, damit die Ärzte ihre Arbeitsweise daran anpassen.
Hier finden sich typische Arbeitssituationen wie bei einem Angestelltenverhältnis wieder. Eine Lobby der niedergelassenen Ärzte, die diesem Monopol auf Augenhöhe begegnen könnte, gibt es nicht bzw. wurde per Gesetz unterbunden. Auch ein Streikrecht besteht nicht.

Warum selbstständige Ärzte kein Streikrecht haben ?

Ein Krankenkassenvertrag, ist die Grundlage einer wirtschaftlichen Existenz des freiberuflichen Arztes. Er ermächtigt den Arzt, 90 % aller Menschen zu behandeln und dafür ein Honorar zu erhalten. Damit er diesen Kassenvertag erhält, muss er vorher unterschreiben, dass er die Sicherstellung der gesundheiltichen Versorgung der anvertrauten Patienten rund um die Uhr garantiert. Sollte er auf die Idee kommen, zu streiken, indem er seine Praxis für mehrere Tage schließt, so kann er dieser Verpflichtung nicht nachkommen. Als Strafe droht ihm dann der Entzug des Kassenvertrages für mindestens 6 Jahre (siehe Urteil, siehe Anzeige). Dies bedeutet den Entzug der wirtschaftlichen Grundlagen. Es handelt sich faktisch um ein Berufsverbot für die ambulante Tätigkeit.

Und kann er sich das leisten ?
Der selbstständiger Arzt nimmt eigenes Geld in die Hand und Kredite auf, um seinen Arbeitsplatz zu schaffen. Da der Arzt für die berufliche Selbstständigkeit meist mehr als 120.000 Euro Kredit aufnehmen muss und somit finanzielle Verbindlichkeiten für die nächsten 10-20 Jahre eingeht, wird er ein Berufsverbot für 6 Jahre finanziell nicht durchhalten, zumal in dieser Phase auch meist die Familiengründung stattfindet, die abgesichert sein will. Die Insolvenz wäre die Folge und dafür haftet er mit seinem gesamten Privatvermögen.
Ein Arzt, der sich heute selbstständig macht, begibt sich in ein starkes Abhängigkeitsverhältnis gegenüber den Banken, der GKV und der KV. Er muss sich wie ein Angestellter allen Dekreten, Arbeitsanweisungen als auch Honorarkürzungen fügen, da er kein Streikrecht hat. Er ist ein "selbstständiger Angestellter" ohne Streikrecht. Der darf marktwirtschaftlich arbeiten, die Bezahlung erfolgt aber planwirtschaftlich. Von einem freien Breuf kann man hier nicht mehr reden.

Die freiberufliche Tätigkeit des Arztes ist bei diesem starkem Abhängigkeitsverhältnis praktisch nicht mehr gegeben. Niederlassung heute bedeutet politisch gewollte Wettbewerbsverzerrung zugunsten eines Monopolisten.

Existenzgründeranalyse 2009/2010:
Für die Übernahme einer bestehenden Einzelpraxis entscheiden sich 37 % und nur ca. 7 % der Existenzgründer entschieden sich für den Neuaufbau einer Praxis. Mehr als die Hälfte der Existenzgründer entscheidet sich für eine Kooperation mit anderen Kollegen (z.B. Gemeinschaftspraxis).
Das Finanzierungsvolumen bei Übernahme einer Einzelpraxis liegt in Westen durchschnittlich bei ca. 165.000 €. Der Beitritt in eine Berufs-ausübungsgemeinschaft kostet durchschnittlich 137.000 €. Mit einem Finanzierungsvolumen von 116.000 €, so die Analyse, war die Überführung einer Einzelpraxis in eine Gemeinschaftspraxis für die Hausärzte die günstigste Form der Existenzgründung.

Analyse von ApoBank u. ZI

Einkommenssituation

Die inadequate Honorierung für die geleistete Arbeit ist ein ständiger Zankapfel zwischen Ärzten und Politik. Das Arzthonorar ist eine komplizierte Angelegenheit, der eine eigene Seite gewidmet ist.


Hohe Arbeitsbelastung in Qualität und Quantität

Ein weiterer Nachteil der hausärztlichen Tätigkeit ist der Zeitaufwand. Eine Untersuchung des Marktforschungsinstituts Psychonomics im Auftrag der AOK hat ergeben, daß Ärzte fleißige Menschen sind.

Arbeitszeit ÄrzteSo arbeiten 58% der Allgemeinmediziner zwischen 50-65 Stunden in der Woche, weitere 22 % jenseits der 65 Stunden. Dies bedeutet, das sie das Wochenende (falls Sie nicht gerade Dienst haben) zum Erholen brauchen und nicht wie andere zum Leben haben. Für soziale Kontakte/ Familie bleibt eben nicht mehr viel Zeit.
Nach dem Barmer GEK Arztreportsucht im Schnitt jeder gesetzlich Versicherte 18 mal im Jahr einen niedergelassenen Arzt auf. Das bedeutet laut Report durchschnittlich rund 45 Patienten pro Werktag und acht Minuten pro Patientenkontakt. Die Behandlungsfrequenz deutscher Ärzte ist im internationalen Vergleich etwa doppelt so hoch wie anderswo.
Diese Zahlen können wir aus eigener Erfahrung nur bestätigt werden. Wir haben in unserer Praxis je nach Art der Arbeit Taktzeiten von 5 bis 15 Minuten pro Patient.
Dies bedeutet für den Arzt, das er etwa 60 % bis 80 % seiner Gesamtarbeitszeit im Akkord arbeitet. Der Arzt muss sich ca. alle 10 Minuten neu auf einen Patienten einstellen und sich in dessen Krankheitsgeschichte und Probleme hineindenken. Diagnostik und Therapie sollte in dieser Zeit möglichst ebenfalls erledigt sein, da in der Regel nur die ersten 1-2 Kontakte im Quartal vergütet werden. Alle weiteren Kontakte sind meist im Budget aufgebraucht und damit unwirtschaftlich. Dieser Zustand hat übrigens mit einer "Flatrate" durchaus Gemeinsamkeiten. Für einen Festbetrag pro Monat können Sie so häufig Sie wollen, die Dienstleistungen der Hausarztpraxis in Anspruch nehmen. Kennen Sie eine andere Berufsgruppe in Deutschland die menschliche Arbeitsleistung als "Flat" anbietet ?
Neben der reinen hausärztlichen Tätigkeit haben natürlich auch noch die Tätigkeiten eines Selbstständigen zu verrichten. Hierzu gehört Personalmanagement (Einstellung, Kündigungen, Schwangerschaftsvertretungen), Planung von Investitionen (Gespräche mit Banken über Kredite, mit Handwerkern bei Umbauarbeiten,...), Reparaturen von Geräten, Computer- und Softwarewartung, Einkauf von Materialien (vom Toilettenpapier bis zur Glühbirne), etc. Dies wird außerhalb der üblichen Arbeitszeit also Mittwoch nachmittags oder eben am Wochenende erledigt.
Übrigens zeigen Ärzte im Vergleich zur Gesamtbevölkerung als auch zu ihrer sozioökonomischen Gruppe ein statistisch verfrühtes Sterbealter, d.h. sie sterben früher als andere Menschen. Es hat sich gezeigt, das die physische und psychische Arbeitsbelastung einen nicht unerheblichen Teil dazu beiträgt.


Therapiefreiheit und Regresszahlungen

Nahezu 3/4 der niedergelassenen Ärzte sind der Ansicht, dass die Therapiefreiheit in Deutschland für gesetzlich Versicherte nicht mehr gewährleistet ist. Ursachen hierfür sind die Budgetierung von Leistungen und Regressandrohungen.

Mögliche Arzneimittelregresse hängen wie ein Damokles-Schwert über jeder Arztpraxis. Jeder Arzt hat ein Verordnungsbudget für Arznei- und Heilmittel, die er für die Behandlung seiner Patienten ausgeben darf. Gibt der Arzt mehr für Arznei- und Heilmittel aus, als ihm zugewiesen werden, dann haftet er persönlich dafür, da es laut Politik schließlich nur an seiner unwirtschaftlichen Arbeitsweise liegt.

Die inzwischen exorbitanten Regresssummen, die selbst in einer Allgemeinpraxis inzwischen 100.000 EUR erreichen und überschreiten, sind eine Existenzgefährdung für jeden Praxisinhaber. Der Gesetzgeber hat vorgesehen, dass Vertragsärzte nach Abschluss des Widerspruchsverfahrens den Regress zahlen müssen, Rechtsbehelfe also keine aufschiebende Wirkung haben. In der Regel erfolgt eine sofortige Verrechnung mit laufenden Honoraren.
Regresse sind keine Seltenheit mehr. In Westfalen wurden im Jahr 2008 315 Verfahren wegen Arzneimittel- und 487 Verfahren wegen Heilmittel-überschreitungen eingeleitet. Dies bedeutet für den betroffenen Arzt viel Papierkrieg und teils Abzüge vom Honorar. Durch diese gesetzliche Regelung wird dem Arzt ein Teil der Krankenversicherungsrisikos von der Politik übertragen. Als niedergelassener Arzt sind sie heute politisch gewollt auch Krankenversicherer.

Einen besonders gravierenden Regressfall gibt es in Hessen. Dort hat der Arzt Eckehard Lührmann in Aßlar bei Gießen über Jahre Regresszahlungen geleistet. Infolge eines Schlaganfalls ist der Kollege halbseitig gelähmt und kann seinen Beruf seit 2009 nicht mehr ausüben. Nun stellen die Krankenkassen weitere Regressforderungen. Weil Lührmann nicht mehr geschäftsfähig ist, wird seine Frau belangt. Zuletzt hat die gemeinsame Prüfstelle von KV und Kassen einen Vollstreckungsbescheid über 320 000 Euro geschickt. Weitere Forderungen für die letzten Dienstjahre stehen noch aus. Es ist in Skandal dass selbst Ehepartner und Kinder von Medizinern aufgrund von Budgetüberschreitungen in Haftung genommen werden. Frau Lührmann wird, wenn nicht ein Wunder geschieht, Privatinsolvenz anmelden müssen, nachdem ihr erkrankter Ehemann die Bevölkerung über Jahrzehnte mit hoher Pflichterfüllung versorgt hat.

Stand Okt. 2011
Ein- und Ausgabenschere GKV

Die Ausgaben der GKV haben mit der allgemeinen wirtschaftlichen Entwicklung (BIP) Schritt gehalten. Jedoch sind die Einnahmen der Krankenkassen, die an die Lohnentwicklung geknüpft ist, seit Mitte der 90er Jahre geringer geworden, wodurch die Schere zwischen Einnahmen und Ausgaben größer geworden ist.

Nicht nur Ärzte geben "öffentliche" Gelder aus. Dies trifft auch für Politiker in Bund, Ländern und Städten zu. Ebenso öffentliche Ausgaben bei Militär. Im "Schwarzbuch" des Bundes der Steuerzahler werden nur die zufällig entdeckten Verschwendungen aufgezeigt. Würden wir sämtliche öffentliche Ausgaben von Städten, Ländern und Gemeinden durch eine eigens eingerichtete Behörde auf Wirtschaftlichkeit systematisch untersuchen, so würden sicherlich mehr Fälle von unwirtschaftlichen Handelns bei unseren Behörden zu Tage treten.
Warum haften eigentlich diese Entscheidungsträger nicht auch wie die Ärzte mit ihrem persönlichen Vermögen für Unwirtschaftlichkeit und Fehlplanung ?

In Krankenhäuser werden häufig sehr teure und teils unwirtschaftliche Therapien eingeleitet, die dann nach Entlassung ambulant fortgesetzt werden sollen. Warum werden Krankenhausträger nicht mit Regressen belegt ? Schließlich haben sie eine unwirtschaftliche Therapie gebahnt.

Es ist unredlich und inakzeptabel, dass von Seiten der Politik kontinuierlich Rationierungsmaßnahmen zum Erhalt unseres unterfinanzierten Gesundheitswesen vorgenommen werden und gleichzeitig die niedergelassenen Ärzte bei Überschreitung der stagnierenden Behandlungsbudgets in den Regress genommen werden.

Je Älter und umso kränker ein Mensch wird, um so mehr Mediakamente braucht dieser. Die Ärzte möchten einfach nicht mehr für die Medikamente ihrer Patienten haften. Sie möchten nicht für die Morbidität der Patienten haften! Die Morbidität ist ein Risiko, dass eindeutig die Krankenversicherungen zu tragen haben.

BIP
Das Bruttoinlandsprodukt gibt den
Gesamtwert aller Waren und
Dienstleistungen an, die
innerhalb eines Jahres von einer
Volkswirtschaft hergestellt wurden.
Sie ist ein Maß für die wirtschaftliche
Leistungsfähigkeit.
Die häufig angeführte Kostenexplosion im Gesundheits-
sytem ist ein Irrglaube. So ist der Anteil aller Gesundheits-
ausgaben am Bruttoinlandsprodukt seit 2 Jahrzehnten
konstant. Auch die Kosten für die ambulante medizinische
Versorgung sind nicht gestiegen, sondern sind seit Jahren
zwischen 16% und 18% der Gesamtausgaben schwankend.
Nicht die Ausgabenentwicklung ist das Problem, sondern
nur die gering steigenden Einnahmen der gesetzlichen
Krankenkassen aufgrund ihrer Bindung an die Entwicklung
der beitragspflichtigen Löhne.
Die Morbidität gibt an, wieviele Menschen
in einem bestimmten Zeitraum erkrankt
sind (Krankheitshäufigkeit).
Der Kassenärztliche Vereinigung sammelt die
Daten über jede Verordnung (Arznei-, Hilfsmittel
u. physikal. Therapie) von jedem Arzt.
Diese Daten können in Qualität und Quantität
eindeutig dem Arzt zugeordent werden.
Verordnet ein Arzt mehr als andere Ärzte,
so muss er beweisen, warum sein Klientel
kränker ist, als die anderer Ärzte. Kann
er dies nicht glaubhaft machen, so wird der
Regress fällig.
Die gesetzliche Krankenversicherung (GKV) ist Bestandteil
des deutschen Sozialversicherungssystems und
Teil des Gesundheitssystems. Sie ist eine
verpflichtende Versicherung für alle Arbeitnehmer,
deren Jahresarbeitsentgelt unterhalb der
Versicherungspflichtgrenze liegt sowie für viele
weitere Personen. Die Aufgaben der Gesetzlichen
Krankenversicherung werden nach Maßgabe des
Sozialgesetzbuch V von den Krankenkassen
übernommen. Der Leistungsumfang sowie die Beiträge
der gesetzlichen Krankenkassen sind überwiegend
einheitlich gesetztlich geregelt.
KV bedeutet Kassenärtzliche Vereinigung
Der Name suggeriert, es handle sich um
eine Art Gewerkschaft der niedergelassenen
Ärzte, eine Vertretung gegenüber der Macht
der Krankenkassenverbänden und des Staates.
Der Schein trügt. Es handelt sich um eine
Körperschaft des öffentlichen Rechts, also um
eine Art Behörde. Diese Behörde hat die Aufgabe
die ambulante medizinische Versorgung sicher zu
stellen und untersteht letztendlich dem Gesundheits-
ministerium. Diese Behörde entscheidet z.B.
wann, wo und ob sich ein Arzt niederlassen darf.
Welche Untersuchungen er abrechnen darf. Auch
die Verteilung des Honorars unter den verschiedenen
Fachgruppen (Hausarzt, Hautarzt,Nervenarzt,...)
geschieht durch die KV. Die KV wird durch die
niedergelassenen Ärzte mitfinanziert. Dafür erhalten
diese auch ein gewisses Mitspracherecht bei Ent-
scheidungen.
Keinen Sie andere selbstständige Berufsgruppe,
die den eigenen Betrieb durch Praxisschliessungen
besteikt hat ?
Nein, denn Streik ist eine Eigenschaft, die
man nur bei wirtschaftlich Abhängigen findet.
Dies zeigt sich auch in der aktuellen
Behandlungsfehlerstatistik der Bundes-
ärztekammer:
Hausärzten wird nur sehr selten eine
fehlerhafte Behandlung vorgeworfen wird.
Bezogen auf rund 160 Millionen Kontakte
pro Jahr in deutschen Hausarztpraxen ist
die Zahl von 331 vermuteten Behandlungs-
fehlern durch Hausärzte erfreulich gering.
Im Vergleich der Fachgruppen ist die
Schadensquote bei Hausärzten und Internisten
damit am geringsten.
Gesundheitsreport 2010